Großraumaufzüge und Tailändisches Essen

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Sebastian
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Großraumaufzüge und Tailändisches Essen

Beitrag von Sebastian » Mi 11. Sep 2013, 18:13

Aus: The Bastard Assistant goes Overseas

Der Aufzug in unserem Gebäude ist ein hervorragendes Beispiel für die typisch amerikanische Megalomanie. Alles, wirklich ALLES hier ist krankhaft übertrieben grösser gegenüber dem Rest der Welt: die Bäume, die Chips-Tüten, die Autos, die Freeways, Hamburger und Drinks, Blumen, Dauerlutscher, Hüte, Sonnenbrillen, Flughäfen, Klopapierpackungen, Frühstücksportionen, Kinos und natürlich auch die Menschen (besonders gewisse paarweise angeordnete, weibliche, sekundäre Geschlechtsmerkmale!).
Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass der Aufzug eher einem Ballsaal gleicht als einem beweglichen Käfig zur Personenbeförderung.

Ich poke ein bisschen in der Steuerungs-Software herum, bis das Ding zwischen jedem Stockwerk eine Pause von 30 Sekunden einlegt (was unsere Klaustrophobiker auf 180 bringt); dann besorge ich mir beim Chinesen nebenan einen thailändischen Nudelsalat und warte bis die Leute vom Lunch zurückkommen.
Thailändischer Nudelsalat schmeckt ausgezeichnet, aber die Optik ist nicht gerade das, was man als 'appetitanregend' bezeichnen würde. Er schaut eher aus wie... naja wie... sagen wir mal, wie ein etwas fehlgeleitetes Verdauungsprodukt.

Ich fülle den Salat in eine durchsichtige Plastiktüte und stecke die Tüte in meine Jackentasche. Dann pferche ich mich zusammen mit 67 anderen lunch-gesättigten Angestellten in den Aufzug, und die Ballsaal-Aufzugskabine beginnt ihre langsame und schaukelnde Fahrt nach oben. Ein paar techno-versierte Mitarbeiter drücken ungeduldig auf ein paar Knöpfe, als der Fahrstuhl das erste Mal steckenbleibt, aber sie geben's bald wieder auf.

Nach dem ersten Stockwerk lockere ich unauffällig meinen Hemdkragen und wische nicht vorhandenen Schweiss von meiner bleichen Hacker-Stirne.

Nach dem zweiten Stockwerk gebe ich unterdrückte Würgelaute von mir, schlucke angestrengt und blicke mich verzweifelt um. Den mir zunächst stehenden Fahrgästen schwant Übles und sie versuchen aus der drohenden Schusslinie zu kommen; aber der Aufzug ist immer noch zu dicht gepackt.

Nach dem dritten Stockwerk dränge ich mich rigoros in die nächste Ecke, reisse die Tüte mit thailändischem Nudelsalat aus der Jackentasche und beuge mich würgend und krampfgeschüttelt darüber. Als ich wieder aufblicke, sehe ich erschöpft die vielen mitleidigen und mitfühlenden Gesichter meiner Mitreisenden.

Nach dem vierten Stock verwandelt sich das allgemeine Mitgefühl in blankes Entsetzen, als ich eine Plastikgabel aus der Tasche ziehe und beginne, mit Genuss den thailändischen Nudelsalat aus der Tüte zu essen.

Ab dem fünften Stock muss ICH schauen, dass ich aus den vielen Schusslinien komme...

Schätze, der Aufzug ist mal wieder reif für eine gründliche Generalüberholung; ein neuer Teppichbelag könnte auch nicht schaden...

Nach dieser netten kleinen Einlage gehe ich beschwingt in Gingers Büro und versuche zum fünfhundertfünfundfünzigsten Mal, sie zu einem Abendessen zu überreden. Ginger streift mich mit ihrem typischen unterkühlten Blick und gibt ihre Standardantwort, sie sei 'single', aber nicht 'desperate'. Dann fragt sie, was ich da Scheussliches in der Plastiktüte habe.
Ich erkläre lässig, dass ich soeben ein wichtiges und hochinteressantes sozio-dynamisches Psycho-Assoziations-Experiment unter vertikal- kinetischen Bedingungen durchgeführt habe und dass diese Plastiktüte das entscheidende gastro-eruptive Provokations-Corpus darstelle.

Ginger guckt mich mit ihren kühlen blauen Augen an und verzieht kaum merklich den linken Mundwinkel nach unten. Irgendwie kommt mir diese Geste verdammt bekannt vor, aber woher? Dann meint sie, dass auch sie sich wahnsinnig für gastro-eruptive Provokations-Experimente interessieren würde, und ob wir nicht zusammen heute abend im Cable Car nach North Beach fahren wollten...

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